Wie zwei Kuwis in Mexiko landeten?
Manchmal beginnt ein Abenteuer nicht mit einem großen Knall, sondern mit einer leisen Sehnsucht: nach mehr Welt, mehr Perspektiven, mehr Geschichten. Mein Name ist Arantxa Zwing und gemeinsam mit Lorenz Kreutner studiere ich Kulturwirtschaft an der Universität Passau. Aktuell dürfen wir als Praktikant*innen drei Monate lang den Arbeitsalltag am mexikanischen Standort der ICUnet.Group miterleben und erfahren, wie internationale und interkulturelle Themen in der Praxis begleitet werden.
Dass wir einmal hier landen würden – zwischen Tacos, turbulenten Straßen und der beeindruckenden Kulisse Pueblas – war alles andere als selbstverständlich. Doch das Studium der Kulturwirtschaft hat uns früh gelehrt, dass die Welt größer ist als der eigene Horizont – und dass man ihn aktiv erweitern kann. Für mich begann alles vor zwei Jahren: Während Freunde für ihr Kuwi-Doppelabschlussprogramm mit der argentinischen Universidad del Salvador ihre Koffer packten, wuchs in mir die Frage: Warum eigentlich nicht auch ich? Ein Jahr später fand ich mich selbst in Buenos Aires wieder – neun Monate voller neuer Perspektiven, Fußballfieber, Parrilla-Liebe, tollen neuen Freundschaften und einer Kultur, die mich tief geprägt hat.
Doch wer einmal Fernweh gespürt hat, weiß: Es bleibt selten bei einem Kapitel.
Auf einer Reise durch die chilenische Atacama Wüste begegnete ich einer mexikanischen Studentin. Mit leuchtenden Augen erzählte sie von ihrer Heimat und sagte: „Mexiko ist noch viel beeindruckender als Chile oder Argentinien.“ Ich widersprach innerlich entschieden. Für mich war Argentinien unschlagbar. Zwischen Sand, Sternenhimmel und endlosen Weiten lud sie mich ein, selbst nach Mexiko zu kommen. Sie sagte es mit einem Lächeln – vermutlich ohne zu glauben, dass ich dieser Einladung jemals folgen würde.
Doch der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Halb trotzig, halb neugierig beschloss ich, die Einladung anzunehmen – vielleicht auch, um mir selbst zu beweisen, dass mein Herz weiterhin allein Argentinien gehören würde.
Spoiler: Ich habe verloren.
Heute sitze ich in Puebla, arbeite in einem spannenden, interkulturellen Umfeld und merke täglich, wie vielschichtig, lebendig und überraschend Mexiko ist. Die Herzlichkeit der Menschen, die Farben, die Geschichte und die Mischung aus Tradition und Moderne machen dieses Land wirklich besonders.
Im Rahmen unseres Praktikums übernehmen wir unterschiedliche Aufgaben. Ich arbeite vor allem im Bereich Marketing und bin am Aufbau sowie an der Weiterentwicklung unserer Kanäle auf Instagram und LinkedIn beteiligt. Dazu gehören Interviews mit Kund*innen und Mitarbeitenden, Einblicke in Trainings, Beiträge zu Themen wie Interkulturalität und Global Mobility sowie Trendvideos über kulturelle Unterschiede. Außerdem unterstütze ich bei „Correos masivos“, also Newslettern mit E-Books zu Themen wie Global Mobility oder interkultureller und internationaler Zusammenarbeit. Wer neugierig geworden ist, kann gerne auf LinkedIn (icunetdemex) und Instagram (icunet_de_mexico) vorbeischauen.
Und dann ist da Lorenz.
Für ihn ist Mexiko die erste Auslandserfahrung. Ursprünglich hatte er sich für die USA oder Kanada beworben – doch das Leben hatte andere Pläne. Statt Wolkenkratzern landete er zwischen Kolonialarchitektur und Vulkanblick.
Im Unternehmen unterstützt er vor allem im Trainingsmanagement. Er hilft bei der Organisation und Vorbereitung interkultureller Trainings, stimmt Abläufe mit Trainierenden ab und begleitet die Trainings organisatorisch. So erlebt er aus erster Hand, welche Fragen Führungskräfte und Talente im internationalen Arbeitsumfeld beschäftigen.
Auch sprachlich war Mexiko ein Sprung ins kalte Wasser für ihn. Mit wenigen Spanischkenntnissen angekommen, musste er sich vom ersten Tag an im Arbeitsalltag, im Supermarkt und im Smalltalk zurechtfinden. Vieles läuft über Gestik, Improvisation und Humor – doch genau so wachsen Wortschatz und Selbstvertrauen Tag für Tag.
Kulinarisch angetan haben es ihm Enmoladas – mit Hähnchenfleisch gefüllte Tortillas, die mit einer würzigen Chilli-Schokoladen-Sauce übergossen werden. Zwischen Gym-Sessions, gemeinsamen Restaurantbesuchen und ersten eigenen Bestellversuchen auf Spanisch findet er Schritt für Schritt seinen Platz.
Was uns beide verbindet, ist die Neugier und die Bereitschaft, uns auf Unbekanntes einzulassen. Kulturwirtschaft hat uns nicht nur Theorien über interkulturelle Kommunikation gelehrt, sondern den Mut gegeben, sie selbst zu erleben. Gerade in den Trainings, die wir begleiten dürfen, merken wir, wie wichtig diese Arbeit ist. Wenn internationale Führungskräfte mit mexikanischen Teams zusammenarbeiten, zeigen sich oft kleine Kommunikationsunterschiede mit großer Wirkung.
In Mexiko beginnen Gespräche häufig sehr beziehungsorientiert – mit einem „Hola“, einer Frage nach dem Befinden, der Familie oder dem Wochenende. Für viele Deutsche, die eher sach- und zielorientiert kommunizieren, wirkt das zunächst indirekt. In den Trainings lernen beide Seiten zu verstehen: Diese Form ist Ausdruck von Wertschätzung und Beziehungspflege, nicht von Unklarheit. Auch bei Führungsstilen zeigen sich Unterschiede. Internationale Manager möchten ihren Teams möglichst viel Eigenständigkeit geben. Während das in manchen Kulturen als Vertrauen gilt, kann es in anderen Kontexten Unsicherheit auslösen. Solche Unterschiede sichtbar zu machen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, ist zentraler Bestandteil dieser Arbeit.
Auch das Mexiko-Team der ICUnet.Group ist ein Beispiel für gelebte Interkulturalität. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe, internationale Erfahrungen und die virtuelle Zusammenarbeit mit Kolleg*innen aus den USA, Deutschland und Kanada prägen den Arbeitsalltag. Ganz selbstverständlich wechseln wir zwischen Spanisch, Englisch und Deutsch.
Auch kleine kulturelle Unterschiede bleiben hängen. Für Lorenz war zum Beispiel die Begrüßung mit einem Küsschen auf die Wange anfangs ungewohnt. Inzwischen, so sagt er selbst, wird er das wahrscheinlich sogar vermissen.
Besonders beeindruckt hat uns die Hilfsbereitschaft der Menschen. Lorenz stellte einmal im Supermarkt fest, dass nur Bargeld akzeptiert wurde – kurzerhand bezahlte der Mann hinter ihm den Einkauf. Mir selbst passierte etwas Ähnliches auf einer Reise nach Oaxaca, als mir ein Fremder am Busbahnhof Geld für ein Taxi gab, damit ich sicher zu meiner Unterkunft kommen konnte. In beiden Momenten waren wir überrascht – und unglaublich dankbar.
Wenn wir an unsere Rückkehr nach Deutschland denken, wird uns wahrscheinlich genau diese Mischung aus Herzlichkeit, Offenheit und Humor am meisten fehlen.
Und wir merken: Man muss nicht in einer Metropole aufgewachsen sein, um die Welt zu entdecken. Man muss nur bereit sein, loszugehen. Manchmal reicht eine Einladung in der chilenischen Wüste. Und manchmal führt sie bis nach Mexiko.